Weniger als die Hälfte aller Bürger nimmt sich die Mühe, die Politik beeinflussenden Wahlzettel auszufüllen und fachgerecht zu verwenden. Bei den Jungen sieht die Quote noch düsterer aus. Kaum ein Drittel bürgt sich noch die Verantwortung auf, ein aktiver Teil der Demokratie zu sein. Gründe dafür brauchen wir nicht lange zu suchen: Politik ist zu trocken, zu langweilig und sowieso – einfach bääh.
Um das Interesse an der Politik neu zu entfachen, habe ich eine Liste erstellt, wie Wahlzettel alternativ verwendet werden können. Da diese Liste noch nicht komplett ist, würde ich mich freuen, die eine oder andere Ergänzung in den Kommentaren lesen zu dürfen.
1. Die Aktienmärkte spielen verrückt und Rendite macht man zurzeit ohnehin nur, wenn man hohes Risiko eingeht. Warum also nicht seinen Wahlzettel gegen eine Staatsanleihe aus Griechenland tauschen? Natürlich ganz im Sinne von High Risk - High Reward.
2. Als Student kennt man sicher das Vergnügen des Bulimielernens. Wenn man also ohnehin gerade dabei ist, unsinnige Sachen, die man nicht versteht, auswendig zu lernen, dann kann man sich doch auch aus Spass all die Namen auf den Listen merken.
3. Jeder kennt diese klischeehaften Hollywood Verabschiedungen, bei denen die Zurückgebliebenen mit einem Taschentusch hinterher winken. „Tempo“ würde wohl das Gegenteil behaupten, doch ich bin mir sicher, dass dies mit den unsrigen Taschentüchern nicht möglich ist. Zum Glück gibt es einen Wahlzettel.
4. Wenn wir schon dabei sind. Wie oft muss man einen Passanten fragen, ob er ein Taschentuch hat, um schlussendlich doch mit einer laufenden Nase und einem weglaufenden Passanten im Regen stehen gelassen zu werden? Sehr oft. Und schon wieder gibt es nur einen Retter: Den Wahlzettel.
5. Wer spekuliert nicht gerne mit Devisen? Insbesondere sein Urlaubsgeld will man – auch wenn es noch so wenig ist – möglichst optimal umtauschen. Dies wird in Zukunft nicht mehr nötig sein. Ein Wahlzettel trägt in etwa den Wert des Dollars. Natürlich müssen beim momentan schwachen Dollar marginale Abstriche gemacht werden.
6. Punkt Nummer fünf gilt bald auch für den Euro.
7. Seit Jahren erfreut sich der Push-Up BH einer immensen Beliebtheit. Wohl nicht mehr lange – denn auch hier kann der Wahlzettel in die Presche springen.
8. Punkt Nummer sieben kann man für das männliche Geschlecht analog verwenden.
9. Viele Facebook Junkies kommen langsam in die Bredouille, weil ihnen die Ideen für miserable und langweilige Statusmeldungen ausgehen. Denen sei gesagt: Einfach Wahlzettel an eine Wand heften, einen Dartpfeil 120x auf den Zettel werfen und die dabei getroffenen 120 Buchstaben aneinandergereiht auf der Plattform posten.
10. Viele haben heutzutage die Kalamität, dass in den Discos bereits 12-jährige mit der eigenen Kreditkarte diese beliebten weissen Linien präparieren. Mit dem Wahlzettel hat man nun endlich wieder etwas, um sich von diesem Gesindel abzuheben.
11. Wenn wir schon beim Thema Disco sind. Es soll noch Leute mit einem Gehör geben, die die dort abgespielte Musik als zu laut empfinden. Meist liegt dies am Teufelskreis, dass solche Menschen selten in einen Club gehen und wenn sie dann mal gehen, dann bleiben diese eben aufgrund der zu lauten Musik nicht lange. Mit dem Wahlzettel ist diese Spezies endlich für einen Discoausflug gerüstet.
12. Wer erinnert sich nicht an die Jugend, als man noch Liebesbriefe mit den prägnanten Worten „Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, Nein, Vielleicht.“ erhielt? Über die Jahre hinweg fand man keine Lösung, wie man solche Liebesbriefe an die multiopportunitätsorientierte Gesellschaft anpassen kann. Nun gibt es den Wahlzettel und der Empfänger kann aus meist zwölf potentiellen Kandidaten auswählen.
13. Sich von einem Partner trennen ist emotional jeweils ein Husarenritt. Auch kostet je nach Anbieter eine solche Trennung zwischen 15 und 20 Rappen (wenn man keine Flatrate auf Kurznachrichten hat). Das geht nun günstiger und einfacher: Wird der Partner in flagranti erwischt, wie er den Wahlzettel der Sozialdemokraten ausfüllt, dann lässt sich leicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einfach Wahlzettel zerreissen und schon ist man Partner und eine falsch eingesetzte Stimme los.
14. Frisch in Mode ist das Anklagen von berühmten Persönlichkeiten. Oftmals weiss man aber nicht, wer denn überhaupt im Moment berühmt ist. Der Wahlzettel verschafft hier Hilfe: Einfach die Liste abklappern, nach Lust und Laune jemanden wegen Vergewaltigung anzeigen und schon geht man mit der Zeit.
15. Auch die Atomkraftwerksproblematik ist mit den Wahlzetteln einfach zu lösen: Jedes Leck wird einfach mit einem Zettel zugeklebt. Bei grösseren Rissen nimmt man halt zwei.
16. Am meisten Mühe bereitet den Schülern bekanntlich das Spicken. Die Lehrer sind leider nicht mehr so naiv wie früher und kennen jeden Trick. Dank der Bundesverfassung (insbesondere Art. 34) ist der Wahlzettel ein perfekter Spicker.
17. Jeder kennt das Spiel, bei dem man sich einen Zettel an die Stirne klebt und mit Hilfe verschiedenster Fragen herausfinden muss, welcher Namen auf dem Stück Papier steht. Wird dieser gewöhnliche Papierfetzen mit dem Wahlzettel substituiert, multipliziert dies den Spass ins Unermessliche.
18. Eine ganz verrückte Idee möchte ich zu guter Letzt proklamieren. Minderjährige seien an dieser Stelle gebeten weiterzulesen (umgekehrte Psychologie). Man könnte auch – und hier bitte ich um Trommelwirbel – den Wahlzettel der Jungfreisinnigen St.Gallen am 23. Oktober in die Urne legen.
Natürlich entschuldige ich mich postwendend für diese Provokation. Viele disruptiven Ideen – wie zum Beispiel dem Hirngespinst „die Welt ist rund“ – brauchen meist Zeit, bis die Gesellschaft soweit ist, deren Sinn zu verstehen.
Da aber bekanntlich jeder frei ist, darf ich zum Glück mit meinem Wahlzettel machen, was ich will - und deshalb bleibe ich bei Variante 18. Wer auch?
